Schaudebatte: Gedicht als Pflicht – muss kreatives Schreiben Schulfach werden

Deutschland, einst ein Land der Dichter und Denker verkommt zu einem Land vom MINT und Rofl. Aber vielleicht gibt es einen Ausweg. Der Debattierclub Potsdam fragte am Montag bei seiner Schaudebatte: „Gedicht als Pflicht – muss kreatives Schreiben Teil des Schulunterrichts werden?“ Vor der Debatte bejahen das die meisten Zuhörer, danach allerdings nicht mehr.

Die Schaudebatte ist Teil der Woche der Worte an der Uni Potsdam, ein Programm rund um Sprache. Erst gibt es ein Seminar: „Malen mit Worten – Metaphern, Bilder und Vergleiche für bessere Referate, Smalltalk und Komplimente.“ Gleich im Anschluss folgt die Schaudebatte.

Zunächst startet die Regierung mit einem Horrorbild. FrĂĽher da hätten die Menschen mit Versen um einander geworben: „Es schlug mein Herz geschwind zu Pferde…“ und heute heiĂźt es oft nur: „Bist sĂĽĂź.“ Oder HDGL und ROFL. Die Leute werden immer effizienter, in der Schule in 12 Jahren zum Abi gebracht, fokussiert auf Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – MINT. Sie können dann zwar Computer programmieren, den Umfang von Kreisen berechnen aber sie werden sich nicht mehr fortpflanzen, weil sie nicht mehr um einander werben können. Zudem strotzt Deutschland vor trockenen Texten, das Land ist der weltgrößte Produzent von Steuerfachliteratur, die keiner mehr versteht.

All das soll sich ändern, denn die Regierung fordert „Gedicht als Pflicht – kreatives Schreiben muss Teil des Schulunterrichts werden.“

Die Opposition erklärt, dass Fachsprachen effizient seien, zum Beispiel um Gesetzestexte in klarer Sprache zu verfassen. Gerade deswegen seien viele unserer Gesetze Exportschlager, eben weil sie nicht blumig sondern klar seien.
Sie meint, Kreativiät sei im Menschen drin, Leute die Schreiben wollen, die würden das auch tun. Außerdem warnt sie davor, dass Kreativität und Unterrichtszwang sich ja wohl widersprechen. Da müssten die Schüler dann Trochäen und Jamben und Alexandriner üben und das sei doch keine Kreativität.

Nein, das sei Schule heute, sagt die zweite Rednerin der Regierung. Sezierend, fleddernd, zerlegend, analytisch, trocken sei die Realität des aktuellen Deutschunterrichts. Was sie aber wollen, ist ein freies Spiel der Sprache: Deutschland nicht nur ein Land der Denker sondern auch wieder der Dichter. Wäre es nicht schön, wenn es viel mehr Menschen gäbe, die lernen, wie sie sich verständlich machen können? Wenn sie wüssten, wie man kreativ mit Sprache umgeht? Sie entwirft die Vision eines Landes, wo mehr Leute Steuergesetze oder Atomphysik verstehen, eben, weil es viel mehr Menschen gibt, die das verständlich erklären können. Ja, die Regierung möchte das Paradies auf Erden, ein Schlaraffenland der Verständlichkeit.

Die Opposition schüttelt rhetorisch den Kopf: Schüler seien keine Götter. Schon heute herrschten in Schulen keine paradiesischen Zustände, es sei vielmehr die Hölle, was die Penäler alles lernen müssten, da ging ein Zwang zur Kreativität schon gar nicht. Es gäbe doch ohnehin schon Musik und Kunst, das reicht. Um sich verständlich zu machen wären außerdem Fremdsprachen wichtiger und nicht kreatives Schreiben.

Dann kommen die freien Redner. Eine geht in Generalopposition, sie findet, Kreativität kann man fördern, aber nicht durch einen Zwang in der Schule. Ein anderer sagt: Er hätte auch Mathe gelernt, dass hätte keinen Spaß gemacht, so würde vielleicht kreatives Schreiben anderen auch keinen Spaß machen, aber trotzdem würde mancher später sehen , dass es doch was nützt. Auch er hätte Gewaltphantasien gegen Frankreich entwickelt, als er Grammatik gepaukt hat und heute würde er eben Französisch sprechen. So sei kreatives Schreiben im Unterricht auch praktisch und der Zwang erst lästig dann nützlich.

Die Schlussredner fassen noch einmal zusammen. Die Opposition warnt vor dem Armee-Befehl in Versen statt in klaren Worten und erklärt nocheinmal, dass Kreativität im Menschen liege. Der, der Schreiben wolle, tue das auch, der andere sei nur überfordert. Die Regierung träumt noch einmal von einem Paradies der Verständlichkeit und bestreitet die Klarheit der Gesetzestexte, wozu braucht es denn jahrelanges Jura-Studium um sie verstehen zu können? Nein, Deutschland soll lieber kreativer Schreiben üben, damit mehr Leute Gesetze verstehen und einander. Das sei „die verbale Veredelung“ des Landes.

In der Abstimmung nach der Debatte schließen sich die meisten Zuhörer doch der Opposition an, auf der Regierungsseite fehlen ihnen einige Argumente und außerdem sei die Opposition lustiger gewesen. Einer jedoch wechselt genau anders herum, ihn hat das Anliegen der Regierung überzeugt.

Überzeugt vom Debattieren sind nun einige und sagen: „Ich will das nächste mal auch reden.“ Zudem machten die Potsdamer Debattierer natürlich eifrig Werbung für die ZEIT DEBATTE am Wochenende, auch da sagten die Gäste ihr Kommen zu.

Ăśbrigens: Kreatives Schreiben gibt es schon in der Schule, wie schlimm das sein kann, darĂĽber berichtet Julius Fischer, Finalist der Deutschen Meisterschaften im Poetry Slam: