Wir reden über Krieg – Belgrad Open Teil 2

In einem Turnier auf dem Balkan ergeben sich schöne Teamnamen, zum Beispiel: Split the Law. Das sind Jura-Studis aus… genau. Außerdem gibt es schöne Themen mit Zunder, wir streiten über das Geschichtsverständnis. Wer ist wir? Monica aus Venezuela. Zusammen durchstehen wir die Runden und sehen am Ende Oxfords Werbung für ein Frauenturnier Ende April. Hier Eindrücke von fünf Vorrunden aus Belgrad.


Teams aus Oxford, Istanbul, von Köln-Tilbury, der Slowakei und natürlich aus Serbien, Kroatien, Bosnien und Slowenien sind hier. Insgesamt 52 finden sich um 10 (!) am Samstag ein. Vor uns liegen am Samstag vier Runden und eine am Sonntag.

Trotz Unterstützung und Co-Fianzierung der Turnierteilnahme mit Geldern der Studierendenschaft durch den Asta konnt der zweite Potsdamer leider nicht aus privaten Gründen.  Dafür gab es Ersatz: Monica aus Venezuela. Auch ihr Teampartner fiel aus. Sie war auf der Debattierwoche IDAS in Slowenien und wurde dort von ihren slowensichen Freunden überredet, im Februar die 24 Stunden von Caracas nach Belgrad zu reisen. Sie ist eine der ersten Debattierer in Venezuela, arbeitet als Grafikdesignerin, mag Hugo Chavez nicht und möchte bald auswandern, aber vorher viele Leute in ihrer Heimat mit dem Debattiervirus infizieren.

Noch heißen wir independent, aber wir entschließen uns für einen neuen Namen: Eminems oder, um keine Copyright-Schwierigkeiten zu kriegen M’n’Ms. Monica führt mir ihr A3-Formular vor und tatsächlich, vor jeder Debatte breitet sie es aus und gruppiert Argumente darunter.

Die erste Runde: THW introduce curfew for minors. Die M’n’Ms in der eröffnenden Regierung landen auf dem zweiten Platz, die Regierung tat einen guten Job. Sie findet, Minderjährige gehören nach 23 Uhr nicht außer Haus und sollen zu Hause bleiben.

Die zweite Runde sorgt für Zunder, ein Film zeigt erst Tito und das Thema: This House believes, that all former yugoslav states should adopt the same history curriculum. Wir sind eröffnende Regierung und unser Wissen über die Schulbuchpolitik und das Geschichtsverständnis der Balkan-Republiken ist so groß wie Sloweniens Mittelmeerküste. Wir sagen unter anderem: Um die Basis für künftige Zusammenarbeit zu legen und damit die Kinder nicht mehr die Konflikte ihrer Eltern führen, soll eine Expertenkommission ein gemeinsames Geschichtsbuch erarbeiten, was, durch Lehreraustausch gestützt, in allen Ländern unterrichtet wird. Die eröffnende Opposition aus Kroatien findet, ein Slowene sollte nicht alle Details der Geschichte Montenegros kennen. Unsere Kollegen von der schließenden Regierung kommen aus Slowenien und erzählen von einem gemeinsamen deutsch-französischen Geschichtsbuch und wie solcherlei die Bande der zwei ehemaligen Weltkriegsgegner stützt. Die schließende Opposition argumentiert: Es sollte nicht getan werden, weil es nicht geht – und gewinnen damit. Wir werden zweiter. Drei von vier Teams (uns eingeschlossen) sind mit der Entscheidung nicht einverstanden. Nicht zuletzt weil Monica, deren Familie sehr unter vom Judenmord der Nazis betroffen war, und ich zusammen debattieren können.

In der Pause unterhalten wir uns mit den Teams über das Thema, die Slowenen erzählen, dass sie bei einem Austauschschuljahr in Serbien gemerkt hätte, wie unterschiedlich die Geschichte unterrichtet wird, die Kroaten berichten, dass in ihren Schulbüchern die jugoslawisch-serbische Armee der 1990er als krimineller Aggressor bezeichnet wurde.

Viele der Redner haben Verwandte, die in den Kriegen kämpften, einige reden zu Hause drüber, andere nicht. Aber eines ist klar: Serbische, kroatische, slowenische Studenten reden am besten gar nicht miteinander über die Kriege: „Wir würden uns nur anschreien.“

Als Mittag gibt es Cevapcici im Fladenbrot und asiatische Nudeln für die Vegetarier. Mittag ist hier übrigens 15-16 Uhr – mit anderen Worten alles ist sehr entspannt.

Nach dem Mittag lockt die dritte Runde, die letzte mit Feedback. Wir bekommen Leela Koenig als Hauptjurorin. Die Holländerin wird bei den Euros dieses Jahr in Amsterdam die Themen festlegen. Auch hier in Belgrad ist sie Chefjurorin, das Thema der Runde: „This House believes, that the state should place restrictions upon internal migration to protect traditional communities.“ Wir als schließende Regierung landen auf dem vierten Platz, die Eröffner machen ein schwer verständliches Model, sie wollen den Wegzug unterbinden.

Die letzte Runde des Tages: Ein Film zeigt Berlusconi und dann das Thema: This house would require alle indivdiuals entering political office to surrende all other income. Unsere Runde wird von Will Jones juriert, zwar gibt es kein Feedback, aber wir haben mindestens zwei Punkte bekommen (denn am nächsten Tag treffen wir auch ein Team, dass nach der dritten Runde sechs Punkte hatte.)

Um acht gibt es dann Dinner, Schnitzel mit Pommes und Stirnrunzeln bei der Bedienung, wenn wir nach vegetarischem Fragen, einerseits scheint Englisch nicht unbedingt verbreitet anderseits scheinen Vegetarier Befremden zu erzeugen. Anschließend ein wenig Ruhe und clubben.

Am nächsten Morgen erfahren wir, dass die Helfer persönlich verantwortlich sind, wenn jemand zu spät kommt, so erklärt sich auch ihr hartnäckiges Wecken. Trotzdem geht es gemütlich zu Law Faculty, 10 Minuten zu laufen, bei 15 Grad.

Der Sonntag-Vormittag bringt die letzte der fünf Runden: This House believes, that it is legitimate for a state to expell foreign journalists during war. Die Regierung gewinnt (wahrscheinlich) damit, indem sie erklärt, dass der Staat hauptsächlich für den Sieg im Krieg sorgen muß und den gefährden ausländische Reporter. Eines unserer Gegenargumente: Journalisten können Regierungen vor Missbrauch schützen und das sei im Interesse jeden Staates.

Übrigens, wer Lust auf englische Debatten hat, nach Oxford möchte – und eine Frau ist, für den haben die Briten etwas: